Dienstag, 19. Dezember 2017

[Adventskalender 2017] Türchen 19


Herzlich Willkommen zu Tag 19 unseres Adventskalenders.

Hinter dem heutigen Türchen versteckt sich etwas ganz besonderes. Neben der täglichen Verlosung dürft ihr heute eine exklusive Kurzgeschichte lesen. Heute verbirgt sich nämlich die Autorin Celeste Ealain dahinter.

Celeste hat nämlich bei meiner Aktion Kurzgeschichte teilgenommen und hier ist die Kurzgeschichte zu fünf Sätzen, die ich ihr gegeben hatte. Ich finde die Geschichte einfach klasse. Ihr auch?


Ein warmer Hauch Widerstand

Vorsichtig trat ich einen Schritt zurück und senkte mein Haupt. Ich hasste es, dass ich mich einer Maschine unterwerfen musste, doch genau das musste ja passieren. Wir hatten immer gewollt, dass die Maschinen uns unterstützten und uns das Leben erleichterten, doch eines der Experimente ging gewaltig daneben. An diesem Tag begann das Ende unserer Welt und die Roboter übernahmen die Weltherrschaft. Doch genau diese wollte ich heute stürzen.

***

Was zuvor geschah:

„Das kannst du vergessen!“, schrie Dionysa mich hysterisch an. „Denkst du wirklich, ich sehe zu, wie du dich für diese Sache umbringst? Ich kann ja verstehen, dass du dich mit der jetzigen Situation nicht abfinden willst – wer will das schon – aber es muss auch eine andere Lösung geben, Atreju.“
Sie wandte mir den Rücken zu, schloss ihren Laptop und packte jegliche Nanobottypen und Ladechips fein säuberlich zusammen, um sie in ihrem zerfransten Rucksack zu verstauen. Ich konnte sehen, wie aufgebracht sie war, weil meine Idee am Comlink für sie ganz anders geklungen hatte. Offenbar war ich beim Telefonieren überzeugender. Doch ich wollte sie auf keinen Fall so gehen lassen. Ich brauchte sie. Wenn mir jemand helfen konnte, dann sie. Für mich war und würde Dionysa immer das Genie bleiben. Sie war eine der besten Hacker, die ich kannte. Jedoch mit dem besonderen Tick, dass sie niemanden davon wissen ließ. Sie verdiente weder Schwarzgeld damit noch brüstete sie sich mit ihren Fähigkeiten. Dabei könnte sie so viel besser leben. Seit sich die letzten freien Menschen im Untergrund verkrochen hatten, ging es jeden Tag ums blanke Überleben. Die Maschinen passten sich an und natürlich blieb ihnen nicht verborgen, dass es Querulanten und Rebellen versteckt im Fleisch der Erde gab. Zuerst kümmerten sie sich nicht weiter darum. Sie verkauften den Menschen, die unter ihren Fittichen lebten und wir liebevoll Upper getauft haben, dass der Freiheitsentzug zu ihrer Sicherheit diene und dass da draußen ihnen nur der Tod garantiert werden könne. Die Maschinen verbreiteten Angst und Zweifel und all jene, die gegen sie aussagten, verschwanden meist spurlos über Nacht. Leider muss man zugeben, dass die Menschheit es meisterhaft vollbrachte, die Realität zu biegen. Sie versuchten alles zu verleugnen und zu vergessen, nur damit es sich lohnte zu leben. Die Menschheit hatte sich selbst Scheuklappen aufgesetzt, um nachts wieder ruhig schlafen zu können. Sie vergaßen einfach, dass ab 20:00 Uhr eine Ausgehsperre verhängt wurde und die Kinder morgens ausnahmslos pünktlich von einem automatisierten Shuttle für den Kindergarten oder die Schule abgeholt wurden. Von Geburt an wurden sie mit einem Chip versehen, damit das Netzwerk der Robotik – so nennen wir unseren unsichtbaren Feind, der hinter all den beweglichen Maschinen und Kabeln steckt – vom ersten Tag an Kontrolle über sie hatte. Niemand durfte verloren gehen oder aus der Reihe tanzen …
Nur jenen Personen, die das Netzwerk der Robotik als ‚unbedenklich’ einstuften, wurde eine Internetverbindung von zu Hause zum Bildungsort gewährt. Ihnen wurde eine bessere Ausbildung zugestanden. Wohlgemerkt suchte die Fachrichtung das Netzwerk aus und auch ihr künftiges Einsatzgebiet nach dem Abschluss der Fortbildung. Alles wurde vorbestimmt aufgrund der DNA-Analysen, dem Profil des Menschen, einem speziell ausgefeilten Intelligenztest und motorischen Übungen, denen die Menschen regelmäßig unterworfen wurden. Zumindest bekamen dies unsere Augenzeugen mit. Auffällig war hierbei, dass besonders talentierte und intelligente Personen von einem auf den anderen Tag spurlos vom Erdboden verschwanden. Ich hatte da immer schon meine ganz eigene Theorie, dass sie als ‚bedenklich’ eingestuft und deshalb entweder sediert oder unschädlich gemacht wurden. Denn eines war klar, während die Maschinen langsam das Ende ihres mentalen und körperlichen Potentials ausschöpften, entwickelte sich der Mensch weiter und das wusste das Netzwerk. Nur Dionysa war in dem Punkt anderer Meinung als ich, aber was soll’s? Fakt war, dass die Menschheit entmündigt und im eigenen Heim gefangen gehalten wurde. Die Nahrungsmittel wurden aufgrund der Wichtigkeit der einzelnen Personen nach Priorität, Frische, Abwechslung und Inhaltsstoffen gereiht per Robo-Boten täglich abgeliefert. Die nötigen Nachrichten wurden gefiltert nur an jene weitergeleitet, die es betraf, und selbst Kontakte zur Partnersuche wurden genetisch vom Netzwerk der Robotik vorbestimmt. Ach ja … Freundschaften. Für die Maschinen war dieser Punkt, so wie alle emotionalen Regungen und sportliche Betätigung, etwas, das nicht in ihr Weltbild passte. Sie entwickelten zwar seit letzter Zeit den Weitblick, dass glückliche und gesunde Menschen nur durch soziale Kontakte und Sport möglich waren, versagten aber bei den Maßnahmen zur Verbesserung. Sie brachten es nur fertig, jedem auf Minutenbasis wöchentlich ein Kontingent zur Verfügung zu stellen, in dem sich die Personen die Aktivitäten – sei es freundschaftliche Kontakte oder Sport – in dem ihnen zugestandenen Zeitpensum aussuchten. Natürlich erhielten die für die Maschinen wertvollen Menschen zwei Stunden pro Woche, während die anderen sich mit fünfundzwanzig Minuten zufriedengeben mussten. Und … ich weiß, was ihr euch jetzt fragt. Warum eigentlich das Ganze? Warum sollten Maschinen den Menschen überhaupt noch brauchen? Sehr gute Frage. Wir spekulieren, dass wir die Sicherheit darstellen für den Fall, es gibt Bugs oder Ausfälle. Diese künstliche Intelligenz ist stärker, doch auch sie hat ihre Grenzen und wir sind ihre Versicherung für das Unplanbare, das Unaussprechliche.
Wie gesagt, zuerst kümmerten sie sich nicht wirklich darum, dass es flüchtende Rebellen im Untergrund gab. Doch dies scheint sich drastisch geändert zu haben. Es wurden hochintelligente, handtellergroße Drohnen produziert, die selbstständig in der Stadt losgelassen wurden und nun versuchten, wie das ehemaligen Google Earth eine exakte Karte des Untergrundes zu skizzieren. Ihr Krabbeln und Kratzen war unüberhörbar und erzeugte Gänsehaut. Dadurch wurden vorerst Lücken, Freiräume, aber, wie ich befürchte, auch Wärmequellen dokumentiert. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Roboter sich formieren, sich für einen Einsatz im Untergrund ausrüsten und mit einem lückenlosen Plan von außen nach innen alles Leben ausräuchern und ans Tageslicht befördern. Ich kann das Ticken der unvermeidbaren Zukunft bereits hören. Wie sieht es mit euch aus?

Ihr versteht also, dass so eine Lebensweise für mich niemals denkbar war. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Atreju. Ich bin 19 Jahre alt und lebe im Untergrund. Ich kann meine Freizeit nutzen, wie ich will. Und das uneingeschränkt. Dafür wohne ich aber auch in einem düsteren, versifften, alten Tunnelsystem unter der Stadt, in dem man kaum aufrecht stehen kann. Daher muss ich sogar in meinem Alter schon Rückenschmerzen beklagen … Hör ich da jemanden lachen? Ich kann euch versichern, dass das nicht lustig ist! Generell das Leben hier. Das Essen müssen wir täglich mit der ständigen Angst, aufgegriffen zu werden, aus den oftmals versiegelten Mülleimern von oben klauen. Medikamente und Verbandsstoffe holen wir uns ebenfalls aus den entsorgten Materialien, denn die Maschinen nehmen Hygiene und abgelaufene Artikel sehr ernst. Zu unserem Glück. Seit die Fertilität der Menschen gesunken und die Sterberate gestiegen ist, verhindern sie jegliche Möglichkeit der Menschen, zu erkranken oder sich selbst zu verletzen. Sogar Selbstmord ist unter ständiger Überwachung durch Kameras und Drohnen schlichtweg unmöglich geworden. Manchmal frage ich mich, wozu das alles. Und hier unten? Hier ist alles feucht und der Schimmel ist zum flächendeckenden Haustier mutiert. Man findet kaum jemanden, der nicht hustet oder unentwegt Schleim an jeglichen unaussprechlichen Stellen bildet. Ein paar von uns gönnen sich den Luxus, mit Mundschutz herumzulaufen und sich täglich eine Überdosis an Vitaminen in die Venen zu jagen. Doch dies ist zwecklos. Die Bazillen lassen sich davon nicht beeindrucken und das Ungeziefer noch weniger. Das fühlt sich nämlich an der Oberfläche auch nicht mehr so wohl und hat sich nun ebenfalls zu uns in die Unterwelt verkrochen. Was gibt es sonst so von unserer Welt zu berichten? Hm … lasst mich überlegen. Ja, wir haben ein paar Spezialisten hier. Mediziner, High-Techniker, Biochemiker, Programmierer, Bauingenieure, Lehrer und einige mehr. Sie sind sozusagen unsere Elite im Kampf gegen das Netzwerk der Robotik. Sie versuchen, das Leben und den Schutz hier unten zu gewährleisten. An diesem Punkt ist aber dann auch Schluss. Alle haben die Überlegungen und Versuche, die Welt wieder umzudrehen und in die Herrschaft der Menschheit zu legen, aufgegeben. Leider. Sie resignieren, gehen lieber auf Nummer sicher oder warten erst mal ab. Hat jemand von euch einen blassen Schimmer, wie lange ‚erst mal’ ist? Also ich für meinen Teil weiß es nicht. Denn mir stinkt es gewaltig. Mein ‚erst mal’ ist schon längst überschritten. Ich will nicht mehr in feuchter, dreckiger Kleidung herumlaufen, die zweimal umgedreht wird, bevor sie im Waschservice aufgenommen wird. Ich möchte nicht weiter schimmelige Stellen an Essensresten wegschneiden und ich habe vor allem keine Lust, mich beim Pissen von Ratten beobachten zu lassen. Das muss echt nicht sein! Ich möchte mir die Zahnbürste nicht mit der kleinen Maditha aus dem Nachbargang teilen müssen. Ich würde gern erleben, wie sich ein echtes Bett anfühlt, keine löchrige Matratze, auf der ich jedes Loch oder jeden Stein im Untergrund bis auf die Knochen fühle. Ich verstehe den Ausdruck ‚wundliegen’ nun endlich. Und ich will unter Tageslicht Sport machen und unterrichtet werden anstatt unter gedimmtem oder künstlichem Licht. Aber vor allem, möchte ich gerne herausfinden, ob mein Geruchsinn überhaupt noch funktioniert. Tagaus, tagein dieser stinkende, abgestandene Geruch kann doch nicht echt sein, oder? Gibt es noch etwas, das gut riecht? Ich meine, so richtig gut?
Und ich schätze, ihr versteht nun mein Problem mit dieser Welt und warum ich Dionysa dazu bewegen muss, mir zu helfen. Denn so darf es nicht weitergehen. Ich will … Korrektur … ich muss hier dringend raus! Und in meinen Augen ist sie die einzige, die meinen hoffentlich brillanten Plan umsetzen kann.

„Überleg es dir bitte noch mal, Dionysa“, sprach ich sie von hinten an. Ich faste vorsichtig nach ihrem linken Oberarm, um sie sachte zu mir zu drehen. Ihre hektischen blauen Augen und ein paar schneeweiße Haarsträhnen waren das einzige, das ich unter ihrem Hoodie erkennen konnte. Sie brach ihre Aufräumarbeiten auf meinem selbstgebastelten Schreibtisch ab, ließ ihre Arme sinken und seufzte demonstrativ auf.
„Hör mal, Atreju. Dein Ansatz mag ja gut überlegt sein. Wir drehen den Spieß um, machen alles Menschliche für sie unsichtbar und laden bei ihren Außentruppen emotionale Simulationen hoch, um sie zu verwirren. Aber das schaffen wir unmöglich alleine.“
Ich fasste ihre Hand und drückte sie zuversichtlich. „Wir sind nicht allein. Sobald die anderen sehen, dass mein Plan aufgeht, werden sie sich anschließen. Der Drang zur Rückeroberung wird sich streuen wie ein Virus …“ Theatralisch streckte ich meine Faust hoch über uns, wo ein paar Lichtstrahlen von einem Gully in den Tunnel fielen.
Dionysa hob misstrauisch eine Augenbraue. „Du weißt aber schon, dass das völlig kirre klingt, oder? Wenn du willst, sehe ich mir zumindest deine gefangene Aufklärungsdrohne an. So eine habe ich bisher noch nicht gesehen. Vielleicht könnte sie tatsächlich …“ Sie kaute an ihrer Unterlippe und verfiel in Gedanken. Dann schüttelte sie rasch den Kopf, als würde sie eine Idee verwerfen. „Nein, das können wir vergessen. Selbst wenn ich den Kleinen zum Spion umprogrammiere und wir ihn in der Stammleitung dazu bringen, jegliche Chips der Upper zu entkoppeln, wir würden nie nahe genug an den Hauptserver herankommen.“ Erneut wandte sie sich ihren Schätzen zu, um letztendlich den Rucksack zu verschließen, ihn gekonnt über die Schulter zu werfen und mich dann mit Aufbruchsstimmung anzublinzeln. Nun legte ich meine Hände an ihre Schultern, um einen weiteren Überredungsversuch zu starten.
„Bitte, Dionysa, denk mal nach. Was haben wir schon zu verlieren? Schick mich als Köder auf die Straße, wir verursachen lautstark Unruhe, sodass mich rasch ein paar Roboter einfangen und in ihre Kommandozentrale für die Verabreichung des Chips bringen können. Ich setze die Drohne aus, die du vorher fein säuberlich mit äußeren Augen und Ohren für uns beide versehen hast“, Dionysa verlagerte nun ihr Gewicht auf das rechte Bein und verschränkte die Arme, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen war, „und dann krabbeln wir über sie in den Hauptprozessor und hacken uns in die Datenbank.“ Ich versuchte mit allen Mitteln, meine Euphorie auf sie zu übertragen, doch sie blies sich nur genervt eine störende Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Krabbeln? Wir? Du stellst dir das alles so einfach vor. Das Netzwerk ist nicht dumm und hat überall Sicherheitsschranken, Firewalls und Algorithmen laufen, um die Standardprozesse regelmäßig zu kontrollieren und zu überwachen. Bei der geringsten Unregelmäßigkeit wird ein Alarm losgetreten.“
„Dafür vertraue ich auch auf dich, Dionysa. Wenn jemand so rasch die Abfolgen umschreiben und anpassen kann, um den Zentralcomputer nicht misstrauisch zu machen, dann du. Und vor allem, wenn deine Programmierung – Elektronik emotionales Verhalten einzuhauchen – so funktioniert, wie du behauptest, wäre das doch genug Ablenkung und Verwirrung. Nicht wahr? Wofür hast du diese Codes geschrieben, wenn es nicht für einen brillanten Plan des Aufstandes gedacht war? Hm?“ Ich versuchte es mit Charme und Honig und diesmal hatte ich das Gefühl, dass sie weich wurde. Dionysa schob ihre graue Kapuze zurück und ein hochgezogener Mundwinkel und berechnende Augen blickten mich an. Sie war immer wie eine große Schwester für mich gewesen und daher war ich wohl auch immer der Einzige, dem nicht auffiel, dass sie eine versteckte Schönheit war.
„Ich interpretiere dies als Kampfansage. Juhu!“ Ich vollführte bereits meinen Siegestanz, ruderte mit den Armen, ließ meine Hüften kreisen und nickte mit meinem Kopf zu einem Beat, der nur in meinen Gedanken stattfand.
„Du bist absolut verrückt“, musste nun selbst Dionysa lachen. „Okay, für den Fall, dass wir das wirklich umsetzen, habe ich ein paar Voraussetzungen.“
Ich hielt sofort inne, um interessiert an ihren schmalen Lippen zu hängen.
„Erstens“, sie ließ sich wieder einmal Zeit, um ein nervöses Zucken meines linken Knies heraufzubeschwören. Ich hasste es, wenn sie das tat, „während ich versuche, dieses Baby spionagetauglich zu machen, möchte ich, dass du noch zwei oder drei weitere fängst als Reserve, falls etwas schiefgeht.“
Nun musste ich schnaufen, denn ich hatte nur Glück gehabt, dieses eine Exemplar zu fangen, weil es in einem Drahtgewirr hängengeblieben und dabei gegen die Tunnelwand geknallt war. Es war nicht einmal sicher, ob die Drohne reibungslos funktionierte. Sonst waren die kleinen Biester bisher nur zu hören und nicht zu sehen gewesen.
„Okay, ich versuch mein Bestes, kann aber nichts versprechen“, hielt ich mit ausgestrecktem Zeigefinger fest, während Dionysa nun die leblose Drohne vor ihren Augen inspizierte.
„Zweitens, ich will, dass du zumindest Sophus über deinen grandiosen Plan in Kenntnis setzt, bevor wir loslegen. Ich will deinetwegen keine Schwierigkeiten bekommen.“
Mein Grummeln war nicht zu verbergen, denn eines war klar, ich musste versuchen, das zu verhindern. Sophus war der Anführer unserer erlesenen Gruppe und er sagte bereits ‚Nein’ bevor ich überhaupt eine Frage äußerte. Das war immer so gewesen. Fragt mich bitte nicht warum. Also hier musste ich wohl oder übel lügen, was das Zeug hielt, selbst wenn es mir Dionysa gegenüber unfair erschien. Ich nickte daher artig und wartete auf weitere Vorgaben.
„Drittens, ich möchte, dass du mit meiner Flugdrohne das Zielen übst. Wir müssen die Emotionalisierung über den Luftweg vorab starten und je mehr gezielte Treffer wir haben, desto mehr Roboter können wir damit infizieren. Je mehr Durcheinander entsteht, desto einfacher wirst du es auch in der Zentrale haben, die Drohnen loszulassen.“ Sie zwinkerte mir zu. Offenbar waren diese drei Punkte die einzigen, die an ihre Hilfe gebunden waren, daher machte ich mich sofort auf die Socken, um sie zu erfüllen.

***

Wie so oft lag ich am Ende des Nordwesttunnels auf dem Bauch und hielt Ausschau nach der Welt da draußen, zu der ich keinen Zugang mehr hatte. Es war fast Mitternacht, der Vollmond hätte nicht gespenstischer in Szene gesetzt werden können und die knorrigen Bäume und Sträucher in den Gärten waren Zeuge davon, dass die Upper nicht einmal Zutritt zu ihren eigenen Habseligkeiten hatten. Sonst hätte der grüne Daumen diese Gärten nie verlassen.
Durch einen Gully, der an der Bordsteinkante zur Straße geöffnet war, hatte ich freie Sicht auf einen Häuserblock, der beinahe ausgestorben wirkte. Es fuhren seit der Übernahme der Maschinen keine Autos mehr, bis auf die automatisierten Shuttles, um Personen wie trainierte Zirkustiere von A nach B zu befördern. Aber ein eigenständiges Fahren, wohin man wollte, hatten die Menschen womöglich bereits verlernt. Wie traurig eigentlich, wenn ich mir die alten Überreste des Nissan GTRs da vorne ansehe, überlegte ich im Stillen. Ich geriet ins Schwärmen, wie es sich wohl anfühlen musste, in einem Auto zu sitzen. Dieses Gefühl von Kontrolle und Macht in den Finger zu verspüren und auf den spuckenden, röhrenden Motor zu übertragen. Doch irgendetwas sagte mir, dass ich das niemals selbst erleben würde. Zudem waren rein benzinbetriebene Autos schon längst ausgestorben. Heute waren Solar und Elektro am Zug.
Plötzlich sah ich eine Bewegung von rechts. Etwas Kleines, Spinnenartiges kam rasch auf mich zu. Ich hielt den Atem an, bis ich erkannte, dass es sich wieder um eine dieser Aufklärungsdrohnen handelte, die Dionysa als Ersatz forderte. In den kleinen, drahtigen Beinen konnte ich hie und da einen elektrischen Funken sehen, der mir die Gewissheit gab, dass keine lebendige Spinne zum Kuscheln kommen wollte. Ich überlegte, wie ich sie heranlocken konnte, ohne ihr die Möglichkeit zu geben, einen Rebellen zu melden, doch so weit kam ich gar nicht …

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„Was zum Teufel …?“ Dionysa ließ abrupt ihren Schraubenzieher und ihre Pinzette fallen, als sie die Abdeckung des Körpers der Aufklärungsdrohne geöffnet hatte. Anstatt leuchtender oder blitzender Ionen fand sie nur ein paar Silikondrähte, die wie Knorpel wirkten, und eine gallertartige Masse, die punktuell mit den Elektroden der Beine des Miniroboters verbunden war. „Das glaub ich einfach nicht. Hat das Netzwerk der Robotik begonnen, lebende Masse zu züchten und es wie ein trainierfähiges Gehirn einzusetzen? Bauen die etwa langfristig gesehen Cyborgs? Läuft das nicht normalerweise anders herum?“ Menschen verbessern sich durch Elektronik, nun verbessert sich Elektronik durch lebendes Gewebe? Ist das überhaupt effizient? Eine Gänsehaut überfiel Dionysa, die mit jeglichem Fund, nur nicht mit diesem hier gerechnet hatte. Was soll ich da noch programmieren? Wie schaffen die Maschinen die Kommunikation, wie erhalten sie Befehle, aber vor allem, wie denken sie?
Dionysa wusste, dass sie nun an dem Punkt angelangt war, an dem sie mit Atrejus Plan an andere herantreten musste. Das Ganze nahm Formen an, die über die Vorstellungskraft hinausliefen. Vor allem konnte diese Entdeckung ein schlimmer Schlag für ihre Kolonie darstellen. Denn wenn diese Weiterentwicklung der Maschinen ihnen bisher verborgen geblieben war, was passierte da draußen unter dem Deckmantel des Mysteriums noch?

***

Mein Fluchtinstinkt setzte offenbar aus, denn als das elektronische Krabbelvieh direkt auf mich zulief, war ich kurz wie gelähmt. In der nächsten Sekunde schlug ich mir hart den Hinterkopf an vor Schreck, als ich im engen Tunnel zurückweichen wollte. Der Miniroboter war nur zehn Zentimeter vor meinen Augen auf dem Asphalt stehengeblieben und sah mich an. An seinem Rückenpanzer fuhren schlagartig zwei kleine Antennen aus, die wie ein ‚V’ über ihm gespannt waren und dazwischen eine Art Hologrammfeld erzeugten.
„Ich glaub, ich spinne“, rutschte mir heraus, anstatt rasch zu verschwinden. Die Neugier war eindeutig stärker.
Plötzlich erschien in hellblauen, winkeligen Buchstaben ein Schriftzug, der von der rechten Antenne nach links projiziert wurde, damit ich sie in normalem Leserhythmus lesen konnte, bevor die nächsten Schriftzeichen auftauchten.
       =Wir kennen dich, Atreju.=
Aber wie … wie ist das nur möglich?, fragte ich mich selbst, während meine Gliedmaßen vor Schock nun zu Eis wurden.
„Ich verstehe nicht. Wer ist ‚Wir’?“, flüsterte ich, rutschte näher an die Gullyöffnung und versuchte, im Dunkeln weitere krabbelnde Kreaturen auszumachen. Doch außer ein paar zirpenden Zikaden und dem Gesang einer Nachtigall konnte ich nichts hören oder sehen.
=Wir sind die Menschen=, schrieb der Roboter und löste noch mehr Fragen in mir aus, denn das ergab keinen Sinn.
„Aber ich bin ein Mensch. Du bist eine Drohne. Oder …?“ Mein Herz begann zu rasen. Oh mein Gott! Haben die Upper einen Weg gefunden, mit uns Kontakt aufzunehmen, um nach Hilfe zu suchen? „Ich fasse es nicht.“ Ich flüsterte noch immer, obwohl es bescheuert war, da nichts und niemand in der Nähe war.
„Ist das etwa ein stiller Hilferuf? Seid ihr Rebellen unter den Uppern?“ Die Aufregung in mir wuchs stetig, da diese Möglichkeit mit einem Mal so viel Hoffnung barg. Und ausgerechnet ich war die Kontaktperson. Wie schräg ist das eigentlich?

***

„Siehst du? Das ist genau, was ich gemeint habe“, erklärte Dionysa nervös, als sie das Innenleben der Aufklärungsdrohne der Medizinerin Clarissa und dem Anführer Sophus präsentierte. „Dieses Ding ist zum Teil biologisch hergestellt. Ich bekomm Zustände bei dem Gedanken, dass sie nun lebendes Material mit elektronischen Körpern verbinden. Das ist unethisch und komplett krank. Wo wird das nur hinführen?!“ Die Nervosität quälte Dionysa. Sie musste unentwegt ihr Nagelbett bearbeiten, das schon völlig malträtiert aussah. Das alles gefiel ihr kein bisschen. Etwas bahnte sich an und jede Zelle ihres Leibes schwang in Alarm.
Clarissa trug eine dieser kleinen Professorenbrillen an der Spitze ihrer Nase. Leider war ein Glas gesprungen, doch etwas Besseres stand ihnen hier nicht zur Verfügung. Mit einem kleinen Schaber, der früher wohl einem Zahnarzt gehört haben musste, stocherte sie in der beigefarbenen Masse herum und zog ein angewidertes Gesicht.
„Für mich sieht das wie Gehirnmasse aus. Wenn es euch recht ist, würde ich gerne davon eine Probe nehmen. Nur um auf Nummer sicher zu gehen“, schlug sie vor, während sie sich bereits benutzte Silikonhandschuhe überstreifte.
„Auf Nummer sicher? Sicher wovor?“, fragte Dionysa völlig verwundert.
„Dass es nicht menschlich ist“, kam es ohne zu zögern aus Sophus’ Mund, dessen Augen kalkulierend über den offenen Drohnenkörper strichen. Dionysa glaubte in ihrem Anführer zu erkennen, dass er nicht überrascht war.

***

=Wir werden mehr und brauchen Hilfe=
Ha! Ich wusste es! Ein Freudentanz wäre fällig gewesen. Wie gerne hätte ich nun Dionysa hier gehabt, um ihr zu sagen, dass ich recht hatte. Wir waren nicht mehr allein und selbst die Upper wollten nicht länger so leben. Die kleinen Drohnen waren nicht Spione des Netzwerks der Robotik, sondern der Menschen.
Ich nickte hastig. „Und wie kann ich euch helfen?“, wollte ich ungeduldig wissen.
=Wir wollen die Chips eliminieren=
Eine innere Stimme wurde misstrauisch. Warum verfolgen sie den gleichen Plan wie ich? Ist das Zufall? Ein Test musste her.
„Tja, ich wäre bereit euch zu helfen, aber dafür müsst ihr auch etwas für mich tun, als Beweis, dass es euch ernst ist.“
Auf dem Hologrammfeld erschien ein gängiges Thumb-up-Zeichen.
„Ich möchte, dass ihr mich heimlich zum Hauptserver bringt. Bekommt ihr das hin?“
Es vergingen Sekunden, die wie Stunden auf mich wirkten, ohne Reaktion.
=Wir versuchen es=

***

„Und was tropfst du da gerade drauf?“, fragte Dionysa zappelig, als sie Clarissa beobachtete, wie sie Flüssigkeit mit einer Pipette auf ein transparentes Plättchen träufelte.
„Du fragst mir nun seit zwanzig Minuten Löcher in den Bauch, das erleichtert mir nicht wirklich das Arbeiten.“
Dionysa fühlte sich schäbig. „Entschuldige. Ich halte diese Spannung nur nicht aus, weißt du?“
Es kam nur ein „Mhm“ zurück.
„Dabei hatten wir was ganz anderes geplant. Was für eine Wende …“, erklärte sie mehr zu sich selbst als zu Clarissa, die nun samt Mundschutz neugierig aufblickte.
„Geplant? Und wer ist wir?“
Dionysa lehnte sich gegen die Tunnelwand und winkelte ein Bein lässig dagegen.
„Ach, du kennst ja Atreju und seine Spinnereien.“
„Ich verstehe. Wollte er wieder die ganze Welt retten?“ Dionysa konnte das Schmunzeln unter dem verdreckten Mundschutz erkennen, bis die Medizinerin erneut auf das Mikroskop blickte und es justierte. „Sophus bekommt ihn einfach nicht unter Kontrolle. Andererseits, muss ich sagen, bin ich froh, dass zumindest noch einer Leidenschaft zeigt und Träume verwirklichen will. Die meisten hier unten glauben an gar nichts mehr.“
Dionysa konnte nur nicken.
„Es ist noch schlimmer, als ich befürchtet hatte“, erklärte Clarissa nun gefasst.
„Naja, so schlecht ist Atrejus Idee nun auch wieder nicht. Sie ist ausbaufähig. Und mit den Aufgaben, die ich ihm gegeben habe, ist er für ein paar Wochen beschäftigt und wird keinen Ärger machen. Versprochen.“
Clarissa verneinte und sah sie nun mit aufgerissenen Augen an. Sie schob ihren Mundschutz nach unten und ihr Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes erahnen.
„Das meinte ich nicht. Das gallertartige Gewebe in der Aufklärungsdrohne ist tatsächlich lebend. Nicht nur, dass es ohne Zweifel Teile eines intakten Gehirns sind, es ist menschlicher Herkunft.“ Nun schluckte Clarissa laut. „Und ich befürchte, es wurde nicht gezüchtet.“
Piep-piep … Piep-Piep
Dionysa nahm ihren Comlink und blickte wie versteinert auf die kleine Anzeige. Ihre Finger waren wie gefroren, da die Erkenntnis aus Clarissas Botschaft erst langsam durchsickerte. Ausgerechnet Atreju versuchte sie jetzt zu kontaktieren. Doch da er der Letzte war, mit dem sie nun reden wollte, ließ sie seinen Anruf unbeantwortet.

***

„So ein verfluchter Mist! Dionysa, ich brauche dich dringend!“ Mir war danach, den Comlink gegen die nächste Wand zu schleudern. Ich hatte nicht viel Zeit, hatte bereits meinen Rucksack mit allem Notwendigen gepackt und wollte mich zum Treffpunkt aufmachen. Aber niemand wusste Bescheid. Sophus war der Letzte, zu dem ich noch gehen wollte. Meine Eltern gab es schon lange nicht mehr, und seit ich denken konnte, war Dionysa diejenige, die mich immer aus allem Ärger rausgehalten hatte und mir alles beibrachte, was man übers Programmieren und Hacken wissen musste. Und sie war auch mein Gesprächspartner Nummer eins. Alle anderen in unserer Kolonie waren so alt, stocksteif, wortkarg und, ach ja, selbst wenn ich mich wiederhole: alt. Zumindest wussten die anderen nichts mit mir anzufangen und ich nicht mit ihnen.
Ich lugte nochmals kurz in meinen Rucksack, ob ich nichts Essentielles vergessen hatte. Ich wollte noch eine Minute abwarten, ob Dionysa nicht doch noch zurückläuten würde. Eine Taschenlampe, den geklauten Datenstick mit Dionysas Emotionscodes, mein Laptop, eine Schachtel ihrer Nanobots, die mit kleinen Viren verseucht waren und gewiss Schaden anrichten würden, etliche Verbindungskabel und auch mein Comlink war mit dabei und frisch geladen. Somit waren Live-Videos und Fotos jederzeit möglich.
„Verflucht! Ich hatte mir das anders vorgestellt. Sowas gehört besser vorbereitet. Wer weiß, ob ich die Chips allein ohne Dionysa zerstören kann? Und falls nicht, ob ich es zurück schaffe. Das ist ein absolutes Todeskommando.“ Andererseits gibt es nur diese eine Chance. Oder etwa nicht? Der Miniroboter hatte mir exakt an der vom Gully sichtbaren Straßenseite um 19:15 Uhr ein Shuttle prophezeit, in den ich einsteigen sollte. Er sollte Menschen von ihrer Arbeit nach Hause bringen und ich würde nicht auffallen. Ich müsste mich dann ganz hinten bei den Sitzen verstecken, bis alle ausgestiegen waren und das Shuttle zurück in die Zentrale gelotst wurde, um dort auf den nächsten Einsatz zu warten. Dort würde mich jemand verlässlich abholen. Ich kann doch nicht in das Heim des Feindes gehen ohne Schutz? Doch ich griff fester nach meinem Rucksack und wusste, wie viel Magie darin verborgen lag. Immerhin hatten Dionysa und ich viel daran gebastelt und gefeilt. Natürlich konnte ich spontan keine Wunder wie sie vollbringen, aber womöglich wäre es mit Unterstützung der Drohnen auch gar nicht nötig. Es muss einfach klappen, beschloss ich und machte mich auf den Weg.

***

„Sophus, die Lage ist brenzlig. Keine Ahnung, wo das Netzwerk die Proben hernimmt, es handelt sich hier nicht mehr um reine Versuche. Diese Eingriffe enden auf jeden Fall fatal und bergen Menschenopfer“, berichtete Clarissa aufgeregt und pochte dabei vehement auf seinen Schreibtisch, während dieser in Gedanken versunken an dem Bügel seiner Brille kaute. Er antwortete nicht darauf, sondern warf erneut einen Blick auf die geöffnete Drohne, die vor ihm lag. Die mittig glänzende Masse wirkte noch immer wie frisch.
„So eine Antwort habe ich beinahe befürchtet, meine Lieben.“ Er setzte sich nun bedächtig seine Brille auf, strich sich über seinen letzten Flaum Haare, der wild zu Berge stand, und sah sie beide abwechselnd an. Nun lehnte er sich direkt über die Drohne und schien nach etwas Ausschau zu halten.
„Meine Damen, nehmen wir mal an, wir würden dieses Ding wieder zusammenschrauben und zum Leben erwecken …“, begann Sophus mit tiefer Stimme.
„Aber das kann doch nicht dein Ernst sein!“, entfuhr es Clarissa entrüstet, während er sie mit einer hochgehaltenen Hand zum Schweigen brachte. Dann führte er einen Zeigefinger zu seinen Lippen, um ihr zu verdeutlichen, dass er an der Reihe war. Clarissa zappelte nervös, nickte hektisch und entschuldigte sich still und heimlich.
„Dionysa. Du bist die Spezialistin hier. Denkst du, wir können das Ding anzapfen und darüber mehr in Erfahrung bringen, was sich in der Hauptzentrale des Netzwerkes so abspielt? Oder zumindest, was die letzten Erinnerungen des Menschen waren, den sie hier zerstückelt haben?“ Sophus sah sie gespannt an und zog nun an seiner elektronischen Zigarette, die grünen Rauch simulierte und eine frische Note im Tunnel verteilte.
„Ich muss offen gestehen, ich weiß es nicht. Ich bin kein Arzt und kann mir beim bloßen Willen nicht vorstellen, wie ich Gehirnwindungen anzapfen soll. Aber ich kann es zumindest versuchen, Sophus, wenn es dein Wunsch ist. Sollen wir jedoch dafür nicht noch jemanden einbeziehen?“, fragte sie vorsichtig in seine Richtung und wusste, dass ihre Skepsis ihr mitten ins Gesicht geschrieben stand.
Sophus paffte zweimal und lehnte sich dann wieder genüsslich zurück.
„Ich würde sagen, je weniger davon Wind bekommen, desto besser. Ich möchte keine Panik auslösen, solange wir nichts gegen diese Biester in der Hand haben.“
„Okay“, erwiderte Dionysa und sah kurz zu Clarissa, die ihren Mund hinter ihrer Hand versteckt hielt, damit ihr keine Entrüstungen zu diesem Plan mehr entweichen konnten. „Du bist der Boss.“ Dionysa machte sich ans Werk.

***

Wenn ich nervös war, zählte ich immer von eins aufwärts, bis ich mich beruhigt hatte. Doch nun saß ich in diesem menschenleeren Shuttle im hintersten Eck und landete bereits bei der Zahl 1281. Keiner war gekommen. Als ich knöchern vor zwei Stunden in das Gefährt eingestiegen war, schien alles surreal. Die Menschen hatten mir keine Beachtung geschenkt, obwohl sie alle ganz anders gewesen waren als ich selbst. Ihre Kleidung war farbenfroh, sauber und keine Flicken waren nötig, um sie zusammenzuhalten. Die Menschen dufteten frisch, sodass ich mich zusammenreißen musste, um nicht ständig meine Nase in ihre Richtung zu stecken. Die Haare und Fingernägel waren gepflegt und gestylt. Dennoch wirkten sie wie ausgestorben, da sie sich gegenseitig weder ansahen noch ein Gespräch miteinander führten. Das Shuttle war zwar bumsvoll, doch die Geräuschkulisse war wie weggefegt. Die mit dieser Erkenntnis erschienene Gänsehaut war bis zum Ausstieg des letzten Menschen nicht verflogen. Und nun befand ich mich in einer Art Garage aller Shuttles, das Licht war ausgegangen und es war totenstill.
„Haben die auf mich vergessen?“, flüsterte ich, um zumindest sicherzustellen, dass ich noch am Leben war. Und Erleichterung überfiel mich beim Ton meiner eigenen Stimme. Verrückt, nicht wahr?
Plötzlich hörte ich ein Kratzen an der Schiebetüre des Wagens und mit einem Mal öffnete sie sich wie durch Zauberhand. Zum Vorschein kamen zwei schwarze Metallbeine, die zu einer Aufklärungsdrohne gehörten. Ob es die gleiche war wie jene beim Gully war bei den Dingern jedoch unmöglich zu erkennen.
„Na endlich“, ließ ich erleichtert fallen.
Zwischen den ausgefahrenen Antennen erschien ein
=Folge mir=, und ich schloss mich dem Ding in geduckter Haltung an, begleitet mit dem ständigen Drang, mich umzudrehen. Ich fühlte mich alles andere als sicher. Im Gegenteil, ich empfand es so, als säßen 30.000 Nanobots auf meinem Kopf und lachten über mich, während sie mir nicht mal bewusst waren.

Wir gelangten in einen schmalen und niedrigen Gang, der offenkundig nicht für Menschen gebaut worden war. Da ich selbst aber nur 1,72m groß war, konnte ich mich damit arrangieren. Es ging abwechselnd in dem Gang links, dann rechts, durch etliche Schleusen durch, bis wir in einem Raum gerieten, der fast stockdunkel war. Ich rieb mir kurz die Augen. Nach wenigen Sekunden reichten für mich die Lichtverhältnisse, um mich zu orientieren. Erstaunt musste ich feststellen, dass hier der Raum wieder überdimensional hoch war. An den Wänden und aus allen Ecken entsprangen Drähte, blickdichte Kabel und transparente Silikonschläuche, die mittig zur Decke geführt wurden, wo sie als ein Strang zum Boden geleitet wurden.
„Was zum Teufel ist das?“, purzelte mir unbewusst heraus. Ich hatte jegliche Deckung bei diesem Anblick vergessen und schritt an der Drohne vorbei, um zu erkennen, was sich in der Mitte des Raumes befand. Bisher war mir der Blick nämlich verwehrt geblieben, weil der Raum mit Reihen von piepsenden Servern und funkelnden Schaltkreisen versehen war. Hinter mir konnte ich das metallene Geräusch der Drohne hören, die mir nachtänzelte. Mit meinem Rücken zu ihr konnte ich jedoch nicht sehen, was sie schrieb. Als sich aber vor mir ein Horrorszenario verdeutlichte, war mir auch egal, was das Mistding zu melden hatte.

***

Dionysa durchstöberte Atrejus kleine Bleibe. Er hatte es sich in einer eingestürzten Sackgasse eines Tunnels wohnlich gemacht. Am Boden lag seine verfilzte Matratze, daneben stand ein maroder, alter Schreibtisch mit all seinen selbstgebastelten Sachen. Darunter befanden sich ein alter Blu-Ray-Player, ein Feuerzeug und etliche Schaltkreise, an denen er das Löten und das Setzen von Verbindungen geübt hatte. Sein gesamtes Werkzeug war bereits mit dem ihrigen verschmolzen, so oft hatten sie an diesem Tisch zusammengesessen. Sie hatten sich mit der Programmierung von Codes, dem Hacken von unbenutzten Robotern und dem Basteln von alten Elektrogeräten die Zeit vertrieben.
„Wo ist er bloß?“, fragte sie sich. Sein Rucksack war nirgends zu finden, er antwortete nicht auf seinen Comlink und sie begann, sich Sorgen zu machen. Doch wenn er wieder auftauchen würde, dann hier. Daher beschloss sie, die Aufklärungsdrohne in seinem Heim zusammenzubauen und zu beleben. Bis dahin wäre er gewiss zurück.

***

All die besagten Leitungen führten mittig zu einem lebenden, hautfarbenen Klumpen, der von kleinen metallenen Drohnen mit Feuchtigkeit – ich tippe mal auf Nährlösung – versorgt wurde. Wie emsige Ameisen, die ihre Königin betreuten. Der Klumpen thronte auf einem dunklen Podest. Mit freiem Auge hätte ich fast gesagt, dass er auf mich wirkte, als würde er sich bewegen oder gar atmen. Dabei war er nur ein deformierter Fleischberg. Um ihn herum waren zwei Metallbänder gespannt, die mit den Leitungen von der Decke verbunden waren. Was für mich bedeutete, dass elektronische wie auch biologische Impulse darüber Informationen einspeisten. Aber das war noch nicht Horrorshow genug. Das Netzwerk der Robotik musste natürlich eine Schippe draufpacken. Um diesen Klumpen herum saßen an die zwanzig Menschen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Arme und Beine an den Stuhl unter ihnen gebunden und ihre Schädel freigelegt. Die Leitungen der Decke speisten sich nämlich über den Klumpen weiter über den Boden direkt zu diesen Personen. Und zwar in ihr Hirn! Diese Menschen waren jeden Alters. Ich konnte nicht erkennen, welchen besonderen Nutzen sie für diese Höllenmaschine darstellten. Zapft sie ihr Wissen oder ihre Erinnerungen ab? Es war einfach nur ein furchtbarer Anblick, der meinem Magen befehligte, sich augenblicklich zu entleeren. Daher würgte ich alles heraus und fühlte mich danach keinen Deut besser.
„Wo hast du mich da nur hingebracht?“, wollte ich wissen, ohne mich nach der Drohne umzudrehen.
=Zu deinem neuen Zuhause=, hätte ich wohl gelesen, doch es war zu spät. Ich war hierher gekommen, um mich demütig vor den Maschinen zu verneigen. Es sollte eine bloße Scharade sein, um sie letztendlich zu stürzen, aber in Wahrheit stürzten sie mich gerade! Denn mit einem Mal sprang etwas auf meinen Rücken. So schnell konnte ich nicht reagieren, als ein brennender Schmerz in meinem Genick meinen gesamten Körper taub machte. Stattdessen konnte ich nun diese blauen, winkeligen Buchstaben in meinem inneren Geiste ablesen.
=Danke, Atreju, für den Plan aller Tunnel und der Auflistung der noch flüchtigen Rebellen. Aber vor allem, dass du uns das Wertvollste mitgebracht hast: einen Weg biologische Masse nicht nur mit uns zu vereinen und dadurch besser zu werden, sondern auch Emotionen zu erlernen und dadurch die Menschen effizienter führen zu können=
Mein Spatzenhirn versuchte, sich zu wehren. Ich befehligte meine Arme, die piksende Fixierung an meinem Hals – was auch immer es war – vom Leibe zu reißen. Doch alles, was ich spürte, waren Tränen auf meinen Wangen. Die Verzweiflung überschwemmte mich.
Ich verstehe nicht, was meint ihr mit: ‚Ich habe euch das Wertvollste gebracht?’, versuchte ich herauszufinden.

***

Als Dionysa die Drohne mit einem kurzen Stromschlag wiederbelebte, drehte sich das Wesen direkt zu ihr und schien sie zu mustern. Es erzeugte ein ungutes Gefühl in Dionysa, als zwei Antennen ausfuhren und ein Schriftzug projiziert wurde.
=Dionysa, du fehlst uns noch=


Das Echo ihres Schreis erreichte jedes Eck des gesamten Tunnelsystems und jeder wusste mit Bestimmtheit, das Ende der Menschheit war nun nicht mehr zu verhindern.

Das könnt ihr gewinnen:

1 Ebook von:

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Um im Lostopf zu landen, kommentiert einfach unter dem Beitrag und sagt uns, wie ihr die Kurzgeschichte gefunden habt und für welches Buch ihr euch interessiert.


Teilnahmebedingungen:

- Das Gewinnspiel läuft bis zum 21
.12. um Mitternacht.
- Der Gewinner wird am 27.12. auf unserem Blog bekannt gegeben.
- Gewinnspielteilnahme ab 18 oder mit Einverständnis der Eltern
- Versand innerhalb Deutschland, Österreich und Schweiz wird übernommen. 
- Keine Haftung bei Verlust auf dem Postweg.
- Rechtsweg ist ausgeschlossen. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. 



Kommentare:

  1. Huhu,
    eine schöne Geschichte, leider sind sie immer so schnell zu Ende :-(
    Ich würde für Die verschollene Rasse Mensch, in den Topf hüpfen.

    LG Manu

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  2. Huhu ihr zwei,

    Die Kurzgeschichte hat mir gut gefallen, schön die Namen fand ich eher ungewöhnlich und toll.

    Ich interessiere mich für "Die verschollene Rasse Mensch".

    Liebe Grüße,
    Kathi

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  3. Hallo ihr beiden,
    Die Geschichte fand ich gut. Leider sehr schnell vorbei..
    Ich würde gerne für "Ich bin das Ende" und "Die verschollene Rasse Mensch" mein Glück versuchen.

    Liebe Grüße,
    Corpus (Karl)

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  4. Hallo :)
    Sehr schöne Geschichte. :) Ich würde gerne mein Glück für , Ich bin das Ende, und, Die verschollene Rasse Mensch, versuchen.

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  5. Holerö!

    Geschichte macht Lust auf mehr..

    Versuch mein Glück für Ich bin das Ende und zum Androiden geboren

    lg Klad

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